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Erinnerungen an mein Elternhaus und der Werkstatt meines Vaters, eines Rosshaar-Siebboden-Webers

01.01.1906
Original language : German

Alle meine väterlichen Vorfahren waren Rosshaar-Siebboden-Weber. Ein inzwischen ausgestorbener Beruf. Auf dem Foto ist mein Elternhaus zu sehen, das 1906 erbaut wurde, es war Wohnung und Werkstatt gleichzeitig.

Die ersten Bewohner des Hauses waren meine Großeltern väterlicherseits mit drei Kindern. Man betrat das Haus durch die Küche. Links davon war die Werkstatt, in der alle Familienmitglieder mitarbeiteten. Die Toilette war eine ‘Donnerhütte’ am hinteren Ende des Grundstückes. Burgenland war Teil des Königreiches Ungarn. Besonders nach dem ‘Ausgleich’ mit Ungarn 1867 und der dadurch entstehenden Doppelmonarchie Österreich-Ungarn trat im Land eine massive Magyarisierung ein. Meine Eltern wurden also in der Schule rein ungarisch erzogen. Leider haben sie keinem ihrer drei Kinder das mitgegeben. Wir hätten die Sprache ‘mit der Muttermilch’ lernen können. Schade! 1929 heirateten sie und vergrößerten das Haus. Erst 1930 machte mein Vater seine Meisterprüfung. So lange hat ihn sein Vater als Geselle beschäftigt. Auch wir Kinder beherrschten das Handwerk. Gewebt hat aber immer nur mein Vater. Das Spezielle dieser Weberei war, dass die Siebböden aus Rosshaar gewebt wurden. Sowohl die Kette als auch der Schuss bestanden aus Rosshaar, welches von Pferdefleischhauern stammte. Eine mühsame Arbeit: Man bedenke, Rosshaar hat eine endliche Länge, ganz anders als bei den Tuchmachern, die damals die wichtigsten Manufakturen in Pinkafeld stellen: Vom Reinigen über 'Hacheln' und 'Ziehen' bis zum Binden einer Art von 'Zöpfen'. Einzelne Haare mussten händisch in die Litzen (Helfen) eingefädelt werden. Anschließend erfolgte dann das Einziehen in den 'Kamm' (Webblatt) und jetzt erst konnte man mit dem Arbeiten am Webstuhl beginnen. In den letzten Jahren konnten die Siebböden auf einem speziell angefertigten mechanischen Webstuhl gewebt werden, der aus Perlondraht Endlos-Gewebe herstellte. Aus Geweben dieser Art wurden in den 1950er Jahren auch Pettycoats hergestellt. Dieser Webstuhl ist als Ausstellungsstück im Heimatmuseum Pinkafeld vorhanden. Mit dem Tod meines Vaters 1969 endete auch sein Gewerbe als Rosshaar-Siebboden-Weber. Gerald Antal Gamauf, www.burgenland100.at

Alle meine väterlichen Vorfahren waren Rosshaar-Siebboden-Weber. Ein inzwischen ausgestorbener Beruf. Auf dem Foto ist mein Elternhaus zu sehen, das 1906 erbaut wurde, es war Wohnung und Werkstatt gleichzeitig.

Die ersten Bewohner des Hauses waren meine Großeltern väterlicherseits mit drei Kindern. Man betrat das Haus durch die Küche. Links davon war die Werkstatt, in der alle Familienmitglieder mitarbeiteten. Die Toilette war eine ‘Donnerhütte’ am hinteren Ende des Grundstückes. Burgenland war Teil des Königreiches Ungarn. Besonders nach dem ‘Ausgleich’ mit Ungarn 1867 und der dadurch entstehenden Doppelmonarchie Österreich-Ungarn trat im Land eine massive Magyarisierung ein. Meine Eltern wurden also in der Schule rein ungarisch erzogen. Leider haben sie keinem ihrer drei Kinder das mitgegeben. Wir hätten die Sprache ‘mit der Muttermilch’ lernen können. Schade! 1929 heirateten sie und vergrößerten das Haus. Erst 1930 machte mein Vater seine Meisterprüfung. So lange hat ihn sein Vater als Geselle beschäftigt. Auch wir Kinder beherrschten das Handwerk. Gewebt hat aber immer nur mein Vater. Das Spezielle dieser Weberei war, dass die Siebböden aus Rosshaar gewebt wurden. Sowohl die Kette als auch der Schuss bestanden aus Rosshaar, welches von Pferdefleischhauern stammte. Eine mühsame Arbeit: Man bedenke, Rosshaar hat eine endliche Länge, ganz anders als bei den Tuchmachern, die damals die wichtigsten Manufakturen in Pinkafeld stellen: Vom Reinigen über 'Hacheln' und 'Ziehen' bis zum Binden einer Art von 'Zöpfen'. Einzelne Haare mussten händisch in die Litzen (Helfen) eingefädelt werden. Anschließend erfolgte dann das Einziehen in den 'Kamm' (Webblatt) und jetzt erst konnte man mit dem Arbeiten am Webstuhl beginnen. In den letzten Jahren konnten die Siebböden auf einem speziell angefertigten mechanischen Webstuhl gewebt werden, der aus Perlondraht Endlos-Gewebe herstellte. Aus Geweben dieser Art wurden in den 1950er Jahren auch Pettycoats hergestellt. Dieser Webstuhl ist als Ausstellungsstück im Heimatmuseum Pinkafeld vorhanden. Mit dem Tod meines Vaters 1969 endete auch sein Gewerbe als Rosshaar-Siebboden-Weber. Gerald Antal Gamauf, www.burgenland100.at